1. Weihnachtsfeiertag 2020 Wimsheim

Liedpredigt zu „Ich steh an deiner Krippe hier“

Pfarrerin Juliane Lehmann

 

Die Strophen des Liedes können Sie entweder selber singen (EG 37) oder sich die Strophen 1-4 und 8-9 anhören unter: https://www.youtube.com/watch?v=W3FI1LULIEY

Sorry- leider alles voll! Zischt ihr ein Hirte über die Schulter zu.

Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und versucht doch irgendwie noch einen Blick auf die Krippe zu erhaschen. Aber keine Chance. Drinnen ist es proppevoll. Ein richtiges Gedränge herrscht da. Schulter an Schulter stehen die Menschen, in den vorderen Reihen knien sie. Es herrscht ein andächtiges Schweigen in dem engen Raum. Kein einziges belangloses Wort fällt. Keiner schnattert oder erhebt die Stimme.

Da ist das aufgeregte Mädchen. Freude blitzt in ihren Augen auf. Ihr angerührter Vater sitzt neben ihr. Heimlich wischt er sich eine Träne aus dem Auge. Auf der anderen Seite sitzt eine alte Frau. Sie ist allein gekommen. Stumm bewegen sich ihre Lippen, die Backen gerötet, die Hände gefaltet, den Blick zu Boden gerichtet.

Ein heiliger Moment.

1. Ich steh an deiner Krippen hier,

o Jesu, du mein Leben;

ich komme, bring und schenke dir,

was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

und lass dir’s wohlgefallen.

 

Liebe Gemeinde zuhause,

Der Platz vor der Krippe in der Kirche in Wimsheim war dieses Jahr nicht hart umkämpft. Das Gedränge um die Besten Plätze blieb aus. Das Krippenspiel und den Weihnachtsgottesdienst haben wir stattdessen in digitaler Verbundenheit zuhause gefeiert.

Sei es mit Egli-Figuren oder mit Ostheimer-Holz-Tieren, der Eine oder die Andere von Ihnen hat vermutlich eine eigene Krippe zuhause. Den (inneren) Blick auf die Szene im Stall gerichtet fühlen wir uns gemeinsam mit Paul Gerhardt hinein in die Atmosphäre an der Krippe.

Das staunende Innehalten. Verwunderung. Überraschung.

All das bringen wir zuerst mit Kindern in Verbindung.

Doch Staunen und Neugierde zeigen- das können auch Erwachsene.

Oft sind sie besonders dann glücklich, wenn sie sich vom Wunderbaren überwältigen lassen.

Paul Gerhardts Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippe hier“ ist ein Lied des Staunens. Immer wieder begegnen wir im Lied dem Ausruf „O“. Wer diesen Vokal einmal einen Moment länger hält merkt welchen Gesichtsausdruck wir dabei haben- einen des liebevollen Staunens- das passiert ganz automatisch. Paul Gerhard fühlt sich hinein in die Szene an der Krippe. Er versetzt sich in die Weisen aus dem Morgenland und die Hirten. Er steht mit ihnen anbetend vor der Futterkrippe.

In der ursprünglichen Fassung hat das Lied 15 Strophen. In unserem Gesangbuch finden sich 9 Strophen. Die heute fehlenden Strophen kamen ursprünglich nach der vierten Strophe. Sie schmückten die verehrende Betrachtung des Jesuskindes noch stärker aus. Mündlein, Händlein und Äuglein wurden in den einzelnen Versen besungen. Das Staunen ging ins Detail.

Dieses Staunen im Lied erklärt sich daraus, was im Stall von Bethlehem konkret geschieht: Gott und Mensch begegnen einander. Gott macht sich für uns ganz klein und nimmt Wohnung unter uns Menschen. Er kommt zu denen die zermürbt sind, die kaum noch Gutes zu hoffen wagen. Er kommt zu denen die verzweifelt sind, zu denen die ihn zynisch herausfordern oder ihn resigniert ablehnen. Da kann man gar nicht anders als kräftig staunen.

Bei Paul Gerhard setzt im Staunen eine innere Verwandlung ein. Er möchte das Kind beschenken. Er gibt ihm das Beste was er hat: „Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut“.

Er gibt sich mit seinem ganzen Sein. Mit allem was ihn ausmacht.

Was bringe ich mit an die Krippe? Was möchte ich diesem Kind schenken? Was ablegen bei ihm?

2. Da ich noch nicht geboren war,

da bist du mir geboren

und hast mich dir zu eigen gar,

eh ich dich kannt, erkoren.

Eh ich durch deine Hand gemacht,

da hast du schon bei dir bedacht,

wie du mein wolltest werden.

Der Drang zu schenken entspringt dem Erleben beschenkt zu werden. Das große Geschenk an der Krippe ist das Band der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Ergriffen von dieser intensiven Bindung wird es auch möglich die größte aller Fragen zu stellen. Von klein auf begleitet sie uns: Wie war es, bevor ich geboren war? Wie wird es sein, wenn ich nicht mehr bin? Staunend wird es möglich im Licht des Sterns von Bethlehem davon zu singen, dass Gott uns ins Leben ruft.

Und es wird möglich von den Widersprüchen, die das Leben prägen zu sprechen.

Von den Todesnächten, den Tiefpunkten im Leben- die manch einer durch die Corona-Krise verstärkt erlebt:

3. Ich lag in tiefster Todesnacht,

du warest meine Sonne,

die Sonne, die mir zugebracht

Licht, Leben, Freud und Wonne.

O Sonne, die das werte Licht

des Glaubens in mir zugericht’,

wie schön sind deine Strahlen!

Paul Gerhardts Lied wickelt uns nicht in eine falsche Weihnachtsidylle ein. Auch Trauer und Verzweiflung finden ihren Platz darin. Denn auch Paul Gerhardts Leben war geprägt von schmerzhaften Erfahrungen: Den viel zu frühen Tod seiner Eltern, Hunger und Elend des Dreißigjährigen Krieges, den Verlust der Heimat, den Tod von vieren seiner fünf Kinder, Konflikte mit der Obrigkeit und die Amtsenthebung als lutherischer Pfarrer. Mit diesen Erfahrungen tritt Paul Gerhard an die Krippe und erfährt dort Heilung. Er hält fest an seinem Vertrauen zu Gott:

4. Ich sehe dich mit Freuden an

und kann mich nicht satt sehen;

und weil ich nun nichts weiter kann,

bleib ich anbetend stehen.

O dass mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel ein weites Meer,

dass ich dich möchte fassen!

Paul Gerhard macht selbst die Erfahrung: In Momenten der Dunkelheit, der Krankheit, der Einsamkeit und des ausweglosen Kampfes ist Gott da. Er leuchtet wie die wärmende Sonne, wie ein ermunternder Sonnenstrahl. Er befreit zum Geben und schenken:

5. Wann oft mein Herz im Leibe weint

und keinen Trost kann finden,

rufst du mir zu: »Ich bin dein Freund,

ein Tilger deiner Sünden.

Was trauerst du, o Bruder mein?

Du sollst ja guter Dinge sein,

ich zahle deine Schulden.«

Das Kind in der Krippe hilft Paul Gerhard mit Fragen und Widersprüchen zu leben. Im Lichte der Begegnung mit Gott wird es möglich trotz allem JA zum Leben zu sagen. Mit dem großen Chor der Engel und Hirten, den Bekannten und Unbekannten bleiben auch wir nicht stehen beim Nein des Widerspruchs. Wir sagen JA zum Leben das uns in dem Kind in der Krippe neu entgegentritt.

6. O dass doch so ein lieber Stern

soll in der Krippen liegen!

Für edle Kinder großer Herrn

gehören güldne Wiegen.

Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,

Samt, Seide, Purpur wären recht,

dies Kindlein drauf zu legen!

7. Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,

ich will mir Blumen holen,

dass meines Heilands Lager sei

auf lieblichen Violen;

mit Rosen, Nelken, Rosmarin

aus schönen Gärten will ich ihn

von oben her bestreuen.

Ergriffen von Freude und Dankbarkeit möchte Paul Gerhard die Krippe am liebsten umdekorieren. Die rauen Umstände der Geburt Jesu wirken auf ihn nicht mehr stimmig. Eher angebracht wären für ihn edle Stoffe wie Samt, Purpur und Seide und Blumen die allesamt kräftig duften und starke Symbolkraft haben. Die Rose steht für Liebe, das Veilchen für Demut, die duftende Nelke wehrt Böses ab und die Lilie steht für Reinheit. Sie spiegeln wieder, was ihm die Begegnung an der Krippe gibt. Wofür das Kind in der Krippe steht.

Doch dämmert Paul Gerhard auch, dass die karge Krippe möglicherweise besser zu dem passt was Jesus auf seinem Weg vertritt- so heißt es in der weggelassenen Strophe 12: „Doch liebt vielleicht das dürre Gras das dürre Kindlein, mehr als alles das, was ich hier nenn und denke.“ Er begreift, wozu Christus in die Welt gekommen ist: er wählte den harten Weg, nicht den leichten und angenehmen. Auf die Krippe fällt jetzt schon der Schatten des Kreuzes, der spätere Kreuzestod wird angedeutet:

8. Du fragest nicht nach Lust der Welt

noch nach des Leibes Freuden;

du hast dich bei uns eingestellt,

an unsrer Statt zu leiden,

suchst meiner Seele Herrlichkeit

durch Elend und Armseligkeit;

das will ich dir nicht wehren.

An der Krippe begegnet uns Gott bereits als mit-leidender Gott. Er ist bereit Armut und Elend zu erleiden um den Menschen nahe zu sein. Im Kind in der Krippe kommt er uns nahe und lässt uns teilhaben am göttlichen Glanz der Christus-Sonne. Gott macht sich auf den Weg zu uns. Kommt zu uns in einem verletzlichen, nahbaren Kind. Und ich? Bin ich angekommen bei ihm?

9. Eins aber, hoff ich, wirst du mir,

mein Heiland, nicht versagen:

dass ich dich möge für und für

in, bei und an mir tragen.

So lass mich doch dein Kripplein sein;

komm, komm und lege bei mir ein

dich und all deine Freuden.

In den nächsten Wochen werden wir die Krippen in unseren Häusern wieder abbauen. Was bleibt dann von der Begegnung an der Krippe?

Dann wirkt es nach: das Staunen und die Verwandlung an der Krippe.

Dann wirkt sie nach: Die Hoffnung der Christus-Sonne.

Welche Widrigkeiten die Corona-Pandemie auch bringen mag.

Amen

 

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